Borre-Info 1

    Stadieneinteilung der Borreliose 

Die Borreliose wird üblicherweise in verschiedene Stadien eingeteilt, deren Bezeichnung sich nach dem Verlauf der Krankheit richtet. Hierfür wird als Kriterium in der Regel die immunologische Reaktion des Patienten zugrunde gelegt. Hinzu kommen jedoch auch klinische Kriterien, die jedoch bei der Vielzahl der möglichen Symptome weniger für eine Stadieneinteilung geeignet sind.  

Stadium I 

Dieser Begriff bezeichnet die akute Phase der Borreliose, die im Durchschnitt etwa 4 – 12 Wochen dauert. Gemeint ist der Zeitpunkt ab dem Ausbruch der Krankheit, der bei der Borreliose leider in vielen Fällen nicht klar erkenntlich oder überhaupt nicht erkennbar verläuft. Den üblichen Kriterien folgend ist hier das Auftreten des Erythema migrans (Wanderröte) als eines der Erstsymptome anzusehen, natürlich sind auch die übrigen möglichen klinischen Symptome wie neurologische Ausfallserscheinungen (Facialisparese, Lähmungen von Nerven usw.) oder diffuse grippale Symptome, die in der Regel ohne Fieber verlaufen, als Beginn des Stadium I anzusehen.  Serologisch, d. h. bei der üblichen Blutuntersuchung im Labor, findet man in diesem Stadium zunächst keine auffälligen Werte, diese zeigen sich in der Regel erst etwa 4 – 6 Wochen nach dem Zeckenstich. Problematisch wird es wenn – wie bei der Borreliose leider sehr häufig üblich – keine klare klinische Anfangssymptomatik vorhanden ist und zusätzlich möglicherweise ein Zeckenstich gar nicht bemerkt worden ist. In diesen Fällen lässt sich der Beginn des Stadium I nicht exakt bestimmen. Auch im Falle sehr unspezifischer klinischer Zeichen wie der eben erwähnten Grippesymptomatik besteht die Problematik, dass nicht klar erkannt werden kann, ob diese zu Beginn der Infektion oder erst im weiteren Verlauf erkennbar wird. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Patient mit dieser oder einer anderen Symptomatik bereits seit längerer Zeit eine Borreliose hat, diese jedoch erst später erkennbar wird. Im Regelfall kann hier die Serologie helfen: sollten sich die Immunparameter IgM als positiv herausstellen, so dürfte die Infektion seit einigen Wochen bestehen. Im Falle eines negativen Ergebnisses gibt es 2 Möglichkeiten: 

  1. die Infektion besteht erst seit kurzer Zeit 
  2. das Immunsystem hat auf die bestehende Infektion  nicht reagiert, so dass die entsprechenden Werte nicht von den Normbereichen abweichen. Dies kann verschiedene Ursachen haben:   
  • u. a. in einer eventuell zu Beginn der Infektion zeitgleich verabreichten antibiotischen Medikation (in der Regel aus völlig anderen medizinischen Gründen)
  •  oder in der Einnahme von Cortison-Präparaten oder anderen das Immunsystem etwas unterdrückenden Medikamenten (hierzu zählen auch cortisonhaltige Hautsalben, die z. B. bei nicht erkanntem Erythema migrans häufig angewandt werden).   

Stadium II / III 

Die frühere, historisch gewachsene Einteilung in die Stadien II und III wird in den letzten Jahren verlassen, da es hierfür keinen klar definierten und erkennbaren Übergang gibt. Aus verschiedenen Gründen wird daher die in dieser Überschrift genommene Darstellung gewählt. In der Regel lässt sich dieses Stadium daran erkennen, dass in der Laboruntersuchung das Immunsystem so genannte Gedächtniszellen (Antikörper vom Typ IgG) bildet. Die IgM-Werte können dennoch weiter erhöht sein, jedoch auch allmählich abfallen. Die klinischen Symptome stabilisieren sich und bleiben in der Regel bestehen. Das Erythema migrans schwächt sich häufig ab, ebenso die oben erwähnten grippalen Symptome. Dafür können andere Zeichen entstehen und stärker werden, wie z. B. Gelenkbeschwerden, Muskelschmerzen oder Beschwerden auf dem neuropsychologischen Gebiet wie Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen oder Müdigkeit. Auch Schlafstörungen werden in diesem Stadium erkennbar. Die im Stadium I eventuell schon vorhandenen vegetativen Symptome, z.B. abwechselndes Schwitzen und Frieren, setzen sich in der Regel in dieses Stadium II/III fort. Wie viele Patienten aus eigener Erfahrung berichten können, findet der Übergang von Stadium I zu Stadium II/III natürlich nicht abrupt statt, sondern vollzieht sich in der Regel fließend über einen unterschiedlich langen Zeitraum von einigen Tagen bis wenigen Wochen. Da viele dieser klinischen Symptome anschließend über Wochen und Monate bestehen bleiben, wird das Stadium II/III auch als Beginn des chronischen Stadiums angesehen.  



Chronisches Stadium / Chronische Borreliose: 

Ob es wirklich ein chronisches Stadium gibt, ist in der wissenschaftlichen Fachliteratur umstritten. Für und gegen diese Annahme gibt es eine Reihe von sachlichen und fachlich fundierten Argumenten, die alle noch nicht abschließend und gründlich wissenschaftlich untersucht und nachgeprüft worden sind. Insofern können weder die Befürworter der Existenz einer chronischen Borreliose noch die Verfechter der Ablehnung dieses Krankheitsstadiums Beweise anführen und glauben, sie hätten fachlich richtige Argumente. Es ist möglich, dass das Immunsystem die sogenannten „Gedächtniszellen“ (IgG-Antikörper) über Jahre hinweg bewahren kann, auch wenn keine Krankheit mehr vorhanden ist – dies geschieht sehr häufig bei den meisten Infektionskrankheiten, da die Gedächtniszellen als eine Art Schutzfunktion gegen eine erneute Infektion durch einen bereits bekannten Erreger fungieren.  In diesem Fall würden die positiven Laborwerte nicht das Vorhandensein und die Aktivität der Borreliose bestätigen, sondern könnten tatsächlich als sogenannte Seronarbe definiert werden (diese Aussage bedeutet jedoch nicht, dass die Patienten nicht doch klinische – zum Teil sehr ausgeprägte – Beschwerden haben!). Für die Existenz der chronischen Borreliose spricht nicht nur das häufig sehr lange Fortbestehen der Beschwerden der Patienten und der serologischen Parameter. Insbesondere die Veränderungen einzelner Werte im Westernblot-Test über Jahre hinweg können als Hinweis auf Aktivitäten gesehen werden.  Das bedeutet: Im Falle einer aktiven Borreliose setzt sich das Immunsystem natürlich auch aktiv mit den Erregern auseinander, weshalb es zu Veränderungen der entsprechenden immunologischen Werte kommt. Mangels größer angelegter wissenschaftlicher Studien kann auch hier noch kein abschließender Beweis angetreten werden, es ist jedoch zu diskutieren, ob die zu beobachtenden Veränderungen als Hinweis auf eine aktive chronische Borreliose angesehen werden können und dann entsprechender Therapie bedürfen. Auf weitere Einzelheiten bezüglich der Fragen zur chronischen Borreliose soll an anderer Stelle näher eingegangen werden.  

 

Post Lyme Disease 

Ein weiterer Begriff in der Einteilung der Borreliose ist die sogenannte Post-Lyme Disease, d. h. die nach durchgemachter Borreliose-Infektion vorhandene Erkrankung. Hiermit sind die Beschwerden gemeint, die nach einer aktiven Borreliose vorhanden sind. Sie treten insbesondere dann auf, wenn – wie im vorherigen Absatz dargelegt – davon ausgegangen wird, dass eine Borreliose nicht mehr chronisch aktiv ist, jedoch noch deutliche Beschwerden vorhanden sind. In der Medizin gibt es eine Vielzahl von Erkrankungen, auch Infektionskrankheiten, die nach erfolgreicher Behandlung selber nicht mehr nachweisbar sind, jedoch zu Folgeerscheinungen führen. Dies gilt für Patienten mit Restsymptomen nach Schlaganfällen ebenso wie für diejenigen, bei denen nach einer Operation noch Beschwerden im Bereich der Narbe oder der operierten Knochen vorhanden sind oder auch für Patienten, bei denen nach einer Gürtelrose teilweise über Jahre starke Schmerzsyndrome auftreten.  In der Regel nehmen in all den eben genannten Beispielen die Beschwerdesymptome im Laufe der Jahre allmählich ab. Dies lässt sich in Kenntnis der Verläufe von Borreliose-Patienten über 20 und mehr Jahre auch für diese Krankheit bestätigen. Insbesondere in den Fällen, in denen keine qualitativen Veränderungen der serologischen Parameter auftreten oder lediglich eine Reduktion der quantitativen Werte zu beobachten ist, kann von einer Post-Lyme Disease ausgegangen werden.  So wie kein vernünftiger Mensch einem Patienten nach einem Unfall die anschließenden Beschwerden als Folge dieses Ereignisses aberkennt oder bei einem Patienten nach Schlaganfall selbstverständlich die fortbestehende, unter Umständen auch reduzierte Lähmung eben als Folge dieser Krankheit akzeptiert wird, sollte es natürlich unzweifelhaft sein, dass auch die nach einer Borreliose-Infektion vorhanden Beschwerden anerkannt werden. Dies gilt insbesondere, wenn im Laufe von Jahren eine langsame Reduktion der ursprünglich vorhandenen Beschwerden eintritt. Die Differenzierung zwischen einer chronischen Borreliose und einer Post-Lyme Disease ist sicher im Einzelfall nicht leicht, zumal wir auch Veränderungen der im Blut vorhandenen immunologischen Werte bei einer eventuellen Neuinfektion  - unter Umständen durch einen nicht bemerkten Zeckenstich - feststellen können. In diesen Fällen könnte die Kombination einer Post-Lyme Disease mit einer anschließenden Neuinfektion natürlich auch zu Veränderungen der Immunwerte führen, ohne dass die ursprüngliche Borreliose chronisch gewesen sein muss. Es muss darauf hingewiesen werden, dass es sowohl unter den Borreliose behandelnden Ärzten als auch in diversen Fachgremien zu dieser Thematik unterschiedliche Auffassungen gibt. Dabei sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass in den USA die ILADS generell von einer chronischen Borreliose ausgeht und eine Post-Lyme Disease ablehnt, andere Borreliose-erfahrene Ärzte gehen überwiegend von der Existenz einer Post Lyme Disease aus.  

 

Das bedeutet: 

Meiner Ansicht nach gibt es beide Stadien. Es ist Aufgabe des in der Behandlung von Borreliose-Patienten erfahrenen Arztes, hier eine sorgfältige Differenzierung vorzunehmen und den Patienten entsprechend zu beraten. Dies kann nicht pauschal und verallgemeinernd oder per Telefon oder E-Mail erfolgen, sondern bedarf einer persönlichen Begutachtung des Patienten sowie seiner im Verlauf der Krankheit erhobenen Untersuchungsparameter.